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ICT - eine "Kulturtechnik"?
Die Suchmaschine Google listet nach der Eingabe der Worte
"Computer" und "Kulturtechnik" mehr als 22.000
Treffer im deutschsprachigen Web. Der Begriff "Kulturtechnik"
hat im Zusammenhang mit den neuen Technologien (ICT) eine steile
Karriere hinter sich und wird oft gemeinsam verwendet.
Ein unklarer Begriff...
Was genau mit diesem Begriff gemeint sein soll, scheint jedoch nicht
wirklich klar. Einige willkürlich ausgewählte Seiten aus
der Trefferliste umschreiben den Begriff "Kulturtechnik"
ähnlich, doch bei weitem nicht identisch: da ist die Rede von
dem "geläufigen Umgang mit dem Computer und den Informationsmöglichkeiten
des weltweiten Netzes" oder der "Nutzung von IT-Technologien"
oder dem "für das jeweilige Alter angemessenen Umgang
mit dem Computer".
Andere Umschreibungen sind nur wenig spezifischer und reichen von
"Mit-einem Computer-umgehen können" über "Vermittlung
grundlegender Arbeitstechniken mit dem Computer" bis zu einem
"natürlichen und selbstverständlichen Verhältnis
zum Allzweck-Hilfsmittel Computer".
...ohne Begründung
Auffallend ist, dass der Status der ICT - Kenntnisse und Fähigkeiten
als "Kulturtechnik" kaum begründet, sondern lediglich
festgestellt wird. Irgendjemand scheint die oben angeführten
Fähigkeiten einfach irgendwann in den Rang einer "Kulturtechnik"
erhoben zu haben - und niemand scheint diesen Rang anzuzweifeln.
Eine Selbsteinschätzung...
Selbstverständlich bin ich der Ansicht, dass der Computer in
der Schule seinen Platz hat und haben muss (sonst würde diese
Website wohl kaum existieren). Dennoch führt die Positionierung
der ICT - Kenntnisse als "Vierte Kulturtechnik" neben
Lesen, Schreiben und Rechnen bei mir zu einem verhaltenen Stirnrunzeln:
Wenn ich meine Arbeit am Computer aus dem Blickwinkel der Kulturtechniken
betrachte komme ich zu folgender Schätzung:
Etwa 75% meiner Arbeit fallen unter die Kulturtechniken Lesen und
Schreiben , etwa 10% unter die Kulturtechnik Rechnen.
Ich lese:
- Internet - Adressen
- Links
- Webseiten
- Emails
- Menüpunkte und Dialogfelder der Programme mit denen ich
arbeite
- Werbebanner
- Aufschriften auf Programmbuttons
- - und Fehlermeldungen
Ich schreibe:
- Emails
- Texte wie diesen
- Foren- und Chatbeiträge
- Konzepte
- Trage Namen und Telefonnummern ins Adressbuch ein
- Fülle Online - Formulare aus usw.
Der Computer dient mir daher als Werkzeug, um die Kulturtechniken
Lesen und Schreiben anzuwenden.
Beim Rechnen ist die Situation etwas anders: Hier ist es so, dass
der Computer den Rechenprozess übernimmt, während ich
nur noch die Ausgangszahlen eingebe.
Das bedeutet, dass der Computer als Maschine die Kulturtechnik
Rechnen übernimmt.
Natürlich wird der Anteil der "alten" Kulturtechniken
an der Computerarbeit je nach Anwendungsgebiet variieren. Dennoch
bin ich grundsätzlich nicht der Meinung, dass es richtig ist
die Fähigkeit der Computernutzung gleichrangig neben den Kulturtechniken
Lesen, Schreiben und Rechnen zu positionieren.
Vielmehr bilden Lese- und Schreibkenntnisse die Basis, die eine
sinnvolle Nutzung des Computers überhaupt erst ermöglichen.
Zweifellos gibt es spezielle Kenntnisse die für den Umgang
mit dem Computer erforderlich sind. Wie bei jedem komplexen Werkzeug
und jeder Maschine müssen wir für den sinnvollen Einsatz
die "Gebrauchsanweisung" verstanden haben.
Wichtige Elemente dieser "Gebrauchsanweisung" beim Computer
sind z.B.:
Die grundlegenden technischen Konzepte des Computers verstehen
(Binärsystem, Digitalisierung, EVA - Prinzip usw.)
Verstehen, wie ein Computer Information organisiert und repräsentiert.
(Laufwerke, Ordner, Fenster, Dateien, Icons, Menüs)
Bedienung der Eingabegeräte (Tastatur, Maus)
Folgerungen für die Schule
Die oben ausgeführten Betrachtungen sollen verdeutlichen, dass
die Kulturtechniken Lesen und Schreiben nicht - wie von manchen
Lehrkräften befürchtet - durch den Computer verdrängt
oder gar "übernommen" werden. Im Gegenteil: Die Auseinandersetzung
mit dem Computer bietet vielfältige und vor allem reale Anlässe,
diese Kulturtechniken zu üben und zu vertiefen. (Ohne sinnerfassendes
Lesen ist es unmöglich, sich im Internet zurechtfinden!).
Wenn Computerkenntnisse nicht als zu Lesen, Schreiben und Rechnen
gleichwertige Kulturtechnik betrachtet werden, ist ein entspannteres
Herangehen an die Thematik möglich. Wenn die Computerkenntnisse
nicht die alleinige "Schlüsselqualifikation für die
Zukunftsbewältigung" darstellen haben wir die Möglichkeit
einen Schritt zurückzutreten und die Dinge nüchtern und
aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Diese geänderte Sichtweise
bedeutet auch, dass jemand ohne Computerkenntnisse deswegen nicht
mit einem Analphabeten gleichzusetzen ist. Trotzdem sind Computerkenntnisse
natürlich wichtig und in vielen Arbeitsfeldern mittlerweile
unverzichtbar. Ohne diese Kenntnisse ist man sicher in vielen Berufen
benachteiligt und in seinen Kommunikationsmöglichkeiten eingeschränkt.
Der Computer sollte jedoch nicht als (Kultur)Technik, sondern als
unglaublich vielfältiges Werkzeug begriffen werden. Als ein
Werkzeug, das uns gerade auch bei der Vermittlung der Kulturtechniken
Lesen, Schreiben und Rechnen unterstützen kann.
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